Raus aus der Komfortzone

Das letzte halbe Jahr war der Hammer. Viele neue Anforderungen, Anregungen und „werweißwasnichtnochalles“. Und lange nicht alles davon war positiver Natur. Wachstum – neben meiner Arbeit an der Hochschule und zwei parallel laufenden Kursen zum Thema „Stressmanagement“.

Die Zeit des Umbruchs begann im letzten Jahr Anfang Dezember mit der Empfehlung eines Kollegen und Freundes, doch ein online-Business anzustoßen. Meine Coachings und Kurse in Unternehmen soll ich online anbieten? Diese Frage hatte ich mir noch nie gestellt, obwohl ich beides ja schon lange im Rahmen meiner Arbeit an der Hochschule anbiete. Wie soll das gehen? Ohne mit dem dafür nötigen KnowHow?

Er erzählte von einer Anbieterin, die auch für mich infrage kam. Angebot angeschaut, Kontakt aufgenommen, Vorgespräch geführt. Entscheidung… aufgeschoben. Lieber mal erst noch in meiner Komfortzone bleiben.

Nur ganz kurz zur Erläuterung: die Komfortzone stellt für mich nicht nur den Bereich zum Ausruhen und zum Krafttanken dar, sondern ist vor allem der Bereich dessen, was wir kennen. Also unser jetziger Erfahrungshorizont. Und unser Ego will nur eins: da drin bleiben und sich selbst bestätigen.

Das Aufschieben der Entscheidung fand aber ganz abrupt ein Ende, als mir mitgeteilt wurde, dass der Kurs ab Januar 2022 satte 500 € teurer werden sollte. Also raus aus meiner Komfortzone und kurzerhand diesen Online-Kurs zur Erstellung eines online-Kurses gebucht. Und die Entscheidung war genial, denn damit fing das Wachstum meines Business erst richtig an.

Begleitet von den in diesem Kurs bereitgestellten Filmen und Unterlagen sowie persönlichen Live-Calls der Anbieterin und immer wieder im Kontakt mit deren tollen Mitarbeiter*innen, die bei Fragen zur Verfügung stehen, habe ich mich durch den Prozess der Kurserstellung hindurchgearbeitet. Nein, das war nicht immer leicht. Diverse Anbieter wie KlickTipp, Coachy und DigiStore verlangten mir einiges an innerem Wachstum ab, immer wieder musste ich raus aus meiner Komfortzone.

Was mir geholfen hat waren meine Erfahrungen aus der Erstellung meines QiGong-Online-Kurses, den ich im Laufe des ersten Corona-Jahres aufgenommen hatte. Ich konnte also auf bereits vorhandene Technik und auf meine Erfahrungen über das Aufnahmeprocedere zurückgreifen. Ein gutes Setting, richtige Einstellungen, Filme und Audiodateien bearbeiten, all dies war mir schon bekannt und erleichterte mir die Arbeit etwas. Wäre aber nicht nötig gewesen, denn alles wurde im Kurs erklärt.

Es gab auch immer wieder eine zu überbrückende „Kompetenz-Demenz“. Und gerade dann ist es wichtig, wenn man im Austausch ist mit Menschen, die einen ähnlichen Weg gehen. Die einen vielleicht einmal auf eine vergessene Kompetenz aufmerksam machen. Oder wenn man gelernt hat, sich selber eine Freundin zu sein, die einen mit der folgenden Frage unterstützt „was hast Du denn in ähnlichen Situationen gemacht, um das Problem zu überwinden?“.

Dann sollte es im April endlich losgehen mit meinem eigenen Kurs. Aber es kam wieder anders. Kurz vor dem geplanten Start meines ersten Webinars habe ich mich mit der Entwicklerin meiner Homepage, ich sage mal ganz diplomatisch, „auseinandergelebt“.

Kritikunfähigkeit hat schon so manche Geschäftsbeziehung zerstört. So auch diese.

Also auch hier wieder: raus aus meiner Komfortzone, denn lieber ein Ende mit Schrecken als dem Schrecken noch weitere zigtausend Euro in den Rachen schmeißen. „Lehrgeld“ bezahlt.

Mein Lebensgefährte, der dieses „Drama“ mehrere Wochen lang begleiten durfte, hat zu meinem Entschluss, die Zusammenarbeit zu beenden, ganz ernsthaft und mit einem Seufzer der Erleichterung nur folgendes gesagt: „Endlich! Herzlichen Glückwunsch zu dieser längst überfälligen Entscheidung.“ Na ja, von außen sehen halt manche Sachen viel einfacher aus als sie gefühlt für einen selbst sind.

Und ja, die Erfahrung, dass auch ich – vielleicht nicht mutmaßlich, aber aufgrund mangelnder Kompetenz – finanziell abgezockt wurde, war wirklich nicht aufbauend und ich durfte mich eine ganze Zeit lang mit unterschiedlichen Gefühlen auseinandersetzen. Aber letztendlich habe ich die für mich nicht mehr stimmigen Konstellationen hinter mir gelassen.

Erleichtert (einerseits um viele tausend Euro und andererseits um weitere unsachliche und unprofessionelle Diskussionen) suchte ich mir jemanden, der mir eine Seite in Word-Press baut, die ich anschließend selber weiterbearbeiten konnte (für die Informatiker*innen unter meinen Leser*innen: meine vorherige Homepage sollte wohl offensichtlich großen Unternehmen Konkurrenz machen, denn sie wurde in TYPO3 programmiert – völlig überdimensioniert, wie ich heute weiß).

Und: ich habe ihn gefunden! Einen tollen Menschen, der mega kurzfristig einen Rahmen für mich bereitgestellt hat, in dem ich meine Homepage, den Blog und alles weitere selber weiterentwickeln und jederzeit ändern kann. Noch kurzfristiger hat er mir die für mein auf den Juni verschobenes Webinar notwendigen Anmeldeseiten programmiert. Damit konnte ich endlich mein Webinar durchführen und – mit wertvollen neuen Erfahrungen ausgestattet – meinen Kurs zum Thema „Stressmanagement“ starten.

Mittlerweile habe ich es mir wieder etwas bequem gemacht in meiner Komfortzone. Denn immer in der Lernzone zu bleiben halte ich auf Dauer auch nicht aus. Denn da gibt es manchmal schon Stress.

Aber genau daran wachsen wir. An herausfordernden Situationen, die wir letztendlich meistern. Wenn wir immer mal wieder die Komfortzone in Richtung Lernzone verlassen, werden wir größer. Und wenn wir das nicht freiwillig machen, dann sorgt halt das Leben dafür.

Aber Stress darf nicht chronisch werden, wie das bei einem längeren Aufenthalt in der auf die Lernzone folgenden Panikzone häufig der Fall ist. Und genau dafür zeige ich in meinem Kurs Möglichkeiten auf, in der Lern- und Panikzone Möglichkeiten zu finden, entweder problem- oder emotionsbezogen Veränderungen vorzunehmen.

Gerade habe ich nachgeschaut: mittlerweile kostet der Kurs, den ich zur Entwicklung meines online-Kurs gebucht habe, ganze 1.000 Euro mehr. Und trotzdem würde ich ihn sofort wieder buchen!

Neben der Fertigstellung meines Kurses ist sie nun auch seit kurzem fertig, meine umgestaltete Homepage. Ich habe mein Angebot überarbeitet, viel Überflüssiges rausgeschmissen und bin endlich mit dem Gefühl unterwegs, unabhängig zu sein. Einfach klasse. Absprachen sind kein persönliches Problem mehr, sondern basieren auf einer gemeinsamen Grundlage der lösungsorientierten Zusammenarbeit. Genau so mag ich mit Menschen meine Zeit verbringen!

Danke an alle, die diese Zeit gemeinsam mit mir gegangen sind, denn es ist viel schwerer alleine zu Wachsen, als gemeinsam mit anderen.

Zur Belohnung für das Wachsen biete ich im nächsten Jahr einen Urlaub in der Toskana an. Und vielleicht fährst und wächst Du ja mit?

Das Bild ist meine eigene Zeichnung anhand des Modell des persönlichen Wachstums vom sowjetischen Psychologen Lew Wygotsky, weiterentwickelt von PassageWorks, Pädagogengruppe in Boulder, Colorado
Erläutert in: Pema Chödron, DAS UNWILLKOMMENE WILKOMMEN HEISSEN, S. 84 ff.

 

Vergänglichkeit

Veränderung ist manchmal nicht leicht. Und manchmal wollen wir sie gar nicht in unserem Leben spüren. Es gibt aber Umstände, die uns dazu bringen, mit Veränderung umgehen zu müssen. Wenn dies der Fall ist, bleibt uns immerhin die Möglichkeit, in die freie Entscheidung zu gehen und die Veränderung zu akzeptieren. Und dann können wir – so gut es eben gerade geht – das Beste aus der Situation machen und mit offenem Herzen weiter durch das Leben gehen.

In dem Bewusstsein, dass nichts so bleibt wie es ist, lebt es sich letztendlich leichter.

Im letzten Jahr noch hat die große Buche, vor der mein Hund Ocean sitzt, aufrecht und in voller Größe bei uns im nahen Wald gestanden. Schon im Frühjahr hatte ein Sturm sie aufgerüttelt. Der Wurzelballen hatte sich an einigen Stellen nahe um den Stamm herum etwas erhöht und ich hatte schon befürchtet, dass ein früher Herbststurm sie endgültig aus dem Leben reißen würde. Bei jedem Spaziergang blieb ich vor ihr stehen und wünschte ihr, dass sie sich halten kann. Vor einiger Zeit war es dann leider soweit. Ein ziemlich heftiger Sturm hat gleich mehrere Bäume gefällt. Einer von ihnen war dieser mächtige und viele Jahrzehnte alte Baum. Am Tag nach dem Sturm habe ich dort gestanden und einige Tränen verdrückt. Meine Tränen galten der Tatsache, dass auch lieb gewonnene Dinge, gute Freunde, geliebte Menschen und Tiere sich verändern oder sogar ganz aus meinem Leben verschwinden. Die Vergänglichkeit kommt mir dann in den Sinn.

Vergänglichkeit bedeutet, dass alles, was entsteht, auch irgendwann wieder vergehen wird. Alles. Und es bedeutet, dass sich alles in einem ständigen Wandel befindet. Dies schließt persönlichen Besitz, Dinge und auch Beziehungen ein. Dies ist eine Tatsache, der gegenüber wir uns aber manchmal am liebsten verschließen.

Betrachtet man Vergänglichkeit nur von dieser Seite, kann sie durchaus schmerzhaft und sehr unerwünscht sein. Es gibt aber noch eine weitere Seite der Vergänglichkeit.

Ich bin auf der Treppe gestürzt. Wie so etwas halt passiert. Ich war mit Ocean an der Leine bei mir im Treppenhaus noch auf der obersten Etage auf dem Weg zu unserem nachmittäglichen Spaziergang. Meine Wanderschuhe waren nicht ganz sauber und ich war mit den Gedanken wohl schon im Wald und nicht bei dem Schritt, den ich gerade getan habe. Und genau da passierte es. Auf einmal war ich in der Luft und schlug einen Moment später mit meiner rechten Körperhälfte mit dem unteren Rippenbogen auf der Kante einer Treppenstufe auf. Mein Hinterteil eine Stufe darunter. Mein rechter Ellbogen traf irgendwo anders auf ebenso heftigen Widerstand.

Wow. Und da lag ich dann. Mitten auf der Treppe. Ich bekam erst mal keine Luft. Eine lange Sekunde später setzte mein Atem wieder ein. Ich scannte meinen Körper und nahm die Auflageflächen wahr. Ganz schön unbequem. Erst dann konnte ich mich ganz langsam wieder aufsetzen. Mein Puls raste und ich hatte einige Mühe, mich zu sortieren und hinzusetzen. Atmen, was für eine schöne Sache, wenn man das kann. Nur Atmen. Nur Sitzen. Nichts anderes war zu tun. Genau in diesem Moment kam ein junger Mann die Treppe rauf und sah mich dort sitzen „Kann man Ihnen etwas Gutes tun?“ fragte er mich. Ich war noch völlig verwirrt, bedankte mich und sagte, dass ich gerade gefallen sei und ich mich jetzt erst mal sortieren müsse. Aber es sei mir nichts Schlimmes passiert. Alles noch dran. Und schon saß ich wieder alleine dort. Dann erst packte der Schmerz richtig zu. Er war so heftig, dass ich von meinem Atem weggerissen wurde und erst mal eine Runde meinen Tränen freien Lauf ließ. Ocean leckte mich ab und wedelte wie wild. Er hatte mitbekommen, dass ich etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Ich habe ihn gestreichelt und damit ihn und mich beruhigt. Atmen. Immer wieder nur auf meinen Atmen achten. Das reichte.

Und wie herrlich, dass es so etwas wie Vergänglichkeit gibt. Denn schon nach kurzer Zeit ließ der Schmerz so weit nach, dass ich langsam aufstehen und mich wieder in meine Wohnung bewegen konnte. Dort ging es dann erneut los. Gedanken tauchten auf. Was alles hätte passieren können. Wie anders hätte dieser Sturz auch ausgehen können? Bei so etwas hätte ich schnell ein Pflegefall werden können. Und wie schnell so ein Leben eine andere Richtung nehmen kann. In dem Gewahrsein des Schmerzes wurden mir auch die Gefühle von Hilflosigkeit, Trauer und Selbstmitleid bewusst. Aber mit der Wahrnehmung all dieser Gefühle und des Schmerzes konnte ich mir den Raum nehmen, den ich brauchte, um ganz bei meinem Atem zu bleiben und durch all dies gut hindurchgehen, hindurchatmen zu können.

Einen Tag später konnte ich mich wieder etwas bewegen und mich darüber freuen, dass meine Teamkollegen mir versichert haben, auch eine Zeit lang ohne meine Unterstützung auszukommen. Ich bekam dadurch die Gelegenheit, mich um meinen Körper und um meinen wachgerüttelten Geist zu kümmern. Wach, weil ich mit der Vergänglichkeit in Kontakt gekommen bin und mein Leben wieder als solches sehen kann, was es ist. Eine fragile und sehr schnell vergängliche Angelegenheit, die es verdient, in Frieden mit mir und in einem mitfühlenden und wohlwollenden Miteinander mit allen Wesen dieses Universums zu leben.

Ich habe großes Glück gehabt. Es ist nichts gebrochen und auch meine Nieren haben den Schlag gut überstanden. Ich werde noch einige Zeit etwas von dem Sturz haben, sagte meine Ärztin. Auf die herrlichen Farben des natürlichen bodypaints bin ich gespannt 😉 Mein Leben aber ist um diese Erfahrung bereichert. Ich gehe meinen Weg mit einer gehörigen Portion Demut weiter und nehme mir vor, achtsamer zu sein als bisher. Und dass ich bei dem Sturz so glimpflich davongekommen bin, dafür bin ich sehr sehr dankbar.

Ähnlich verhält es sich auch mit dem Jahreswechsel. Ein Jahr vergeht, ein neues Jahr kommt. Ein Jahr mit angenehmen, aber auch mit unangenehmen Momenten rund um das Virus geht. Und auch das neue Jahr wird wieder beides für uns bereithalten. Unangenehmes wie Angenehmes. Von wirklicher Bedeutung ist aber nur der jetzige Moment. Und eigentlich ist es völlig unerheblich, was da gerade ist. Denn in diesem einzigen Moment, nämlich im JETZT, ist die ganze Großartigkeit unseres Seins schon enthalten.

Mit einer größeren Bewusstheit über die Vergänglichkeit und um die faszinierende Bedeutung des jetzigen Moments wünsche ich Dir viele wundervolle Momente nicht nur während der Weihnachtsfeiertage und einen sanften Übergang in das neue Jahr.

Einen guten Rutsch zu wünschen spare ich mir bei dieser Erfahrung dann doch lieber…

80 % reichen! Oder vielleicht doch nicht?

Wenn ich eine Arbeit abgeben soll, in die ich nicht mindestens 100 Prozent meiner Aufmerksamkeit gesteckt habe, dann gebe ich sie gar nicht erst ab. Häufig perfektioniere ich noch nach. Und dafür braucht es Zeit und Energie. Ich höre mir seit Jahren immer wieder an, dass ich doch nach dem sogenannten Pareto-Prinzip arbeiten soll.

Was ist da los, wenn man zu den Menschen gehört, die 80 von 100 Prozent als nicht vollständig ansehen? Denen eine Leistung von 80 Prozent nicht reicht? Die sich unwohl fühlen, wenn Sie nicht alles ganz genau machen?

Diejenigen, die die Meinung vertreten, dass 80 Prozent reichen, orientieren sich am sogenannten Pareto-Prinzip.

DAS PARETO-PRINZIP 
Der italienische Soziologe und Ökonom Vilfredo Frederico Pareto (1848 – 1923) hat seinerzeit herausgefunden, dass nur ca. 20 Prozent aller Familien über 80 Prozent des gesamten Volksvermögens in Italien verfügten. Es folgten im Laufe der Jahre eine Reihe von Studien, die dieses Prinzip immer wieder bestätigten.

Auch im Zeit- und Selbstmanagement fand dieses Prinzip als 80-zu-20-Regel seinen Einzug. Hier sagt es aus, dass sich 80 Prozent der zu erledigenden Aufgaben mit einem Mitteleinsatz von nur 20 Prozent erledigen lassen. Will man die restlichen, die noch verbleibenden 20 Prozent erledigen, also alles perfekt machen, braucht es einen erhöhten Aufwand von 80 Prozent.

Was mir persönlich an diesem Prinzip missfällt, sind drei Sachen:

  1. Wer sagt denn überhaupt, dass man etwas erreichen muss um glücklich und zufrieden leben zu können? Sind wirklich alle, die ständig versuchen, mehr zu haben, immer mehr zu erreichen, glücklich und zufrieden? Oder jammern wir alle auf einem gleichen Niveau, nur halt über andere Zahlen oder Umstände?
  2. Wir könnten den Eindruck gewinnen, dass wir für eine Sache oder Dienstleistung 100 Prozent zahlen müssen, für die aber nach diesem Prinzip nur 80 Prozent der möglichen Leistung erbracht wurden. Nicht so schön, dieser Gedanke …
  3. Und wenn wir aus irgendwelchen Gründen grundsätzlich eine sehr gute Leistung abgeben möchte?

Ich lade Dich dazu ein, einmal darüber nachzudenken …

Und JA, ich gehöre bekennender Weise zu den Perfektionistinnen dieser Welt und möchte grundsätzlich eine sehr gute Leistung bringen. Ich stehe dazu und ich bin froh darum. Ich kann gar nicht anders. Und die mich umgebenden Menschen wissen und schätzen das.

Als ich das erste Mal während meiner Arbeit an der Hochschule einen Termin zu einer Prüfungsaufsicht vergessen habe, hat meine Chefin sich wie verrückt gefreut, dass ich auch einmal nicht pünktlich war. Ich allerdings war völlig schockiert, weil ich den Termin vergessen hatte. Aber ich habe den Schock überlebt. Glücklicherweise war außer meiner Chefin noch eine andere Kollegin zur Aufsicht eingeteilt, so dass die Studierenden pünktlich ihre Klausur schreiben konnten. Was haben wir hinterher darüber gelacht, dass ich auch einmal etwas vergessen habe. Denn ich bin ja auch nur ein Mensch und die machen bekanntlicherweise alle mal einen Fehler. Und irgendwie hat uns diese Situation näher zusammengebracht. Ich habe gemerkt, dass es ok ist, wenn nicht immer alles nach Plan läuft. Wenn ich auch einmal etwas vergessen kann ohne dafür hinterher schwerwiegende Konsequenzen tragen zu müssen. Und für die anderen war ich nicht mehr Superwoman, die alles immer perfekt organisiert, sondern eine von ihnen. Auch das war eine gute Erfahrung.

Trotzdem, ich bleibe dabei! Ich will meine Arbeit gut machen. Und gut sind für mich 100 Prozent. Ich bin mir bewusst darüber, dass ich oft viel Zeit in Kleinigkeiten stecke. Wie in die Zeichnung für diesen Blog. Aber das Zeichnen hat mir Spaß gemacht.

So gehöre ich auch zu denen, denen eine aufgeräumte Wohnung ziemlich viel bedeutet. Nun ja, meistens jedenfalls ;-)) Weil für mich Klarheit in meiner Umgebung die Grundlage für meine innere Klarheit ist.

Wenn ich mir bewusst darüber bin, was ich mache, wie ich etwas mache und wann ich etwas mache, dann kann ich beginnen, etwas zu verändern. Ich muss mir also bewusst darüber werden, was ich wann wie mache. Ansonsten läuft alles auf Autopilot. Aber ich kann mich ganz bewusst immer wieder fragen „muss das, was ich da gerade mache, perfekt sein?“. Und wie definiere ich in diesem Fall die Perfektion?

Sagen wir mal, ich schreibe einen Text für meinen Blog. Den möchte ich natürlich auch perfekt machen. Aber wann ist er perfekt? Wer bestimmt, wann dieser Text perfekt ist?

Da kommen meine Persönlichkeitsanteile ins Spiel. Wenn ich beginne, diese ausfindig zu machen, dann tauchen verschiedene Anteile auf. Anteile, die sich teilweise heftig miteinander in den Haaren liegen. In Bezug auf diesen Blog-Text ist da ein Anteil in mir, der auf das Gaspedal drückt, dem nichts schnell genug geht, der will, dass der Text veröffentlicht wird. Einen zweiten Anteil gibt es, der immer wieder doch noch mal Korrektur liest, der ständig sagt „mach mal langsam“. Der sich lieber hier und dort noch Informationen holt, bevor etwas veröffentlicht wird. Und dann gibt es noch einen dritten Anteil, der an allem rummeckert und dem sowieso gar nichts gut genug ist, was ich mache. Ich kenne die drei Anteile. Und jeder ist für etwas anderes gut und wichtig.

Wie soll ich denn da zu einem (nur) 80prozentigen Ergebnis kommen, wenn es einen Anteil in mir gibt, der zwar Gas gibt, sich aber gegen zwei andere Anteile in mir behaupten muss? Das kann man sich so vorstellen, dass drei Leute in einem Boot sitzen, wovon zwei in eine Richtung rudern und der dritte in die andere Richtung… Da kann man sich ausmalen, wie viel Energie die zwei Anteile aufbringen müssen, um in ihre Richtung zu kommen und wie frustriert der einzelne Anteil ist, der auf der anderen Seite des Bootes sitzt hinterher nur noch als Ballast angesehen wird.

Wie schön wäre es, wenn alle Anteile in die gleiche Richtung rudern würden? Und genau das können wir erreichen, wenn wir uns die Anteile einmal genau anschauen. Grundsätzlich hat nämlich jeder Anteil seine Daseinsberechtigung. Und die sollten wir erst mal alle würdigen. Dabei lassen wir jeden Anteil zu Wort kommen und schauen, was für Bedürfnisse dahinterstecken. Denn alle Anteile in uns wollen grundsätzlich das gleiche: dass es uns gut geht! Und wir selbst, als Chef oder Chefin dieser Anteile, sind ja auch noch im Spiel! Wir können bestimmen, welchen Anteil wir bei welcher Situation wie viel reden oder wirken lassen. Wir können jedem Anteil versichern, dass er erwünscht ist und seine Meinung oder Arbeit zum Gelingen des Projektes auf jeden Fall gebraucht wird. Und auch die Größe der Anteile, die können wir festlegen. Wenn wir eine für die Situation passende Größenordnung bestimmen, sind es vielleicht nicht mehr zwei Drittel gegen ein Drittel, sondern nur noch 9 Zehntel gegen ein Zehntel. Und das eine Zehntel wird auch gebraucht, damit das Projekt gut wird! Und das können wir für jede Situation neu entscheiden. Denn vielleicht braucht es ja beim nächsten Blog-Text andere Anteile und Prioritäten.

Ich persönlich bin nicht bereit dazu, nach einer Faustformel wie dem Pareto-Prinzip zu leben. Nach einem Prinzip, das für mich grundsätzlich nicht passt und das für mich als bekennende Perfektionistin eher Stress bedeutet. Den Stress, die Dinge nicht so machen zu können, wie sie gut für mich sind. Und darauf kommt es schließlich an. Dass ich ein Leben lebe, was zu mir passt.

Klarheit, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit sollten zusammenspielen, nicht gegeneinander. Wobei Klarheit und Aufmerksamkeit die natürliche Folge von achtsamem Handeln sind. Bin ich mir bewusst darüber, was genau ich alles mache und wieviel Zeit und Energie ich in meine Tätigkeiten stecke, dann erst kann ich beginnen mich zu fragen, ob all das, was ich mache, sinnvoll ist. Sinnvoll dahingehend, dass ich das Leben führen kann, was ich führen möchte.

Ich nehme mir immer mal wieder die Zeit, herauszufinden, was ich meinem Leben wichtig ist. Was jetzt wichtig ist und was vielleicht einmal eine Zeit lang nur zu 80 Prozent erledigt werden kann. Und was vielleicht einmal eine Bedeutung für mich hatte, mich nun aber nicht mehr trägt und das ich in Liebe weiterziehen lassen darf.

Und nun lade ich Dich dazu ein, Dir bewusst über die Dinge zu werden, die bei Dir zu tun oder aber auch zu lassen sind. Wirklich einmal in die Klarheit zu kommen über die Dinge, die Du machst, die Du machen möchtest und/oder machen solltest. Nichts mehr aufschieben, nichts mehr verdrängen. Sondern in die Klarheit kommen. Und erst dann zu entscheiden, was Du willst und Deinen ganz eigenen Weg zu gehen. Pareto hin oder her.

Den inneren Schweinehund an die Leine legen

Oft schimpfen wir darüber, dass wir uns fremdbestimmt fühlen. Der Chef oder die Chefin, der Partner oder die Partnerin, sie alle wollen, dass wir bestimmte Dinge tun oder auch lassen. Wir aber möchten selbst bestimmen. Und dann lassen wir uns trotz unserer gewünschten Selbstbestimmung von unserem eigenen inneren Schweinehund an der Nase herumführen.

Bei einem Vorgespräch zu einem Coaching ging es darum, wie schwer es ist, sich selbst zu organisieren. Mein zukünftiger Klient erzählte, dass er genug Zeit habe, sich die Arbeit bis zu einem Abgabetermin einzuteilen. Aber was machte er? Er verschwendete so viel davon, dass er zum Schluss immer in Stress kam. Stundenlang verbrachte er vor dem Fernseher, mit „Nichtstun“, mit „Herumtrödeln“.

Auch ich kenne das. Dieses Nichtstun. Oft, wenn ich während meiner Depression ins Leere gestarrt habe, bekam ich ein schlechtes Gewissen. „Du strengst dich sicher nicht genug an“, sagte meine innere Stimme. „Du musst aufstehen, etwas tun.“

Aber ich konnte es nicht. In einer Depression kann man so vieles nicht. Dazu gehört auch, dass man weiß, was zu tun ist, es aber (noch) nicht kann. Ich musste eine ganze Zeit lang mit dieser gefühlten Unfähigkeit, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen, leben.

Ganz langsam und für meine Verhältnisse im absoluten Zeitlupentempo bin ich dann doch aufgestanden und habe begonnen, etwas zu tun. Ich habe Veränderungen vorgenommen. Letztendlich habe ich fast alles verändert. Und das war gut so. Auch schwere Phasen gehen vorbei, wenn man sie wahrnimmt, akzeptiert und dann Schritt für Schritt weitergeht.

Selbst wenn sie gesund sind, nutzen viele Menschen ihre Zeit nicht und reflektieren nicht darüber, was gut und sinnvoll ist. Viele sind sozusagen gar nicht richtig „da“. Die Gedanken fließen so dahin und man denkt an dies oder an jenes. Mal denkt man dies, mal will man jenes. Und die inneren Stimmen diskutieren miteinander und obendrein bekommt man von der Werbung noch ganz andere Bedürfnisse suggeriert.

„Kauf dies, mach jenes, dann bist Du glücklich!“ oder „Wenn Du das nicht machst oder jenes eben nicht hast, dann wirst Du unglücklich.“ Oft kennen man es gar nicht anders, als eben genau so zu leben.

Die Folge für mich und viele andere Menschen ist: Wir handeln wie ferngesteuert. Oder wir kaufen etwas. Wie Hamster sind wir in unserem Rädchen unterwegs. Oder wir schieben das, was wir eigentlich tun sollten, auf und tun gar nichts. Oder wir haben lediglich die Absicht, etwas zu tun. Diese Liste ist endlos. Und wenn wir sie halbwegs abgearbeitet haben, erscheint eine neue Liste.

Es gibt aber eine Möglichkeit, das Leben wirklich zu leben. Das Beste ist, und das ist meine ganz persönliche Erfahrung, im Moment da zu sein, in dem das Leben stattfindet. Genau HIER, genau JETZT. GANZ da SEIN.

Aber leider sind wir oft nicht ganz da. Auch ich nicht. Wir „beschallen“ unser Leben mit fremden Eindrücken, mit fremden Geschichten. Wir schauen uns Serien an oder spielen Computerspiele. Oder schauen uns die Nachrichten an. Warum? Weil so viele das genauso machen. Weil wir nichts anderes gewohnt sind. Und weil es immer noch besser ist, festzustellen, dass es einem doch im Vergleich zu anderen eigentlich gar nicht so schlecht geht. Das hält uns dann auch davon ab, uns mit den eigenen Unzugänglichkeiten auseinander zu setzen.

Irgendwann kommt die Zeit, dass wir einen Termin, etwas was für uns wichtig ist, nicht mehr verdrängen und aufschieben können. Adrenalin kommt auf und wir setzen uns in Bewegung. Erst dann konzentrieren wir uns auf unsere Aufgabe, auf das, was zu tun ist. Erst legen wir langsam los, dann geben wir Gas. Auf einmal sind wir auf 180, hetzen durch die Welt, können kaum noch schlafen. Gesunde Ernährung und Bewegung geraten während einer solchen Phase völlig aus dem Blick.

Und wir schaffen das, was wir bei einer guten Zeiteinteilung ganz in Ruhe, unaufgeregt und mit voller Aufmerksamkeit sehr gut in Ruhe hätten erledigen können, in allerletzter Sekunde, gerade eben so und dazu noch mit maximalem Stress.

Tage, wochen- oder manchmal sogar monatelang schüttet der Körper Adrenalin und andere Stresshormone aus, um die Aufgabe doch noch hinzubekommen. Wenn das Ziel erreicht ist und der Körper die Hormone wieder abbauen muss, werden wir müde und je nachdem, wie lange diese Phase und der damit zusammenhängende Stress gedauert haben, werden wir sogar krank. Manchmal fallen wir in ein tiefes Loch, aus dem wir kaum wieder herauskommen. Wir hängen wieder irgendwie nur rum. Das geht genau so weiter bis zu einem neuen wichtigen Termin. Und wir beginnen wieder mit der Aufschieberei. Das Spiel beginnt von vorne.

Kommt Dir das bekannt vor? Dann bist Du damit nicht alleine. Wir haben es gar nicht gelernt, uns zu fragen „Was brauche ich jetzt wirklich?“ oder „Was ist jetzt gut für mich?“. Wenn wir lernen, uns diese Fragen zu stellen, dann kann es sein, dass wir in die Antwort dieser Fragen hineinleben. Wir können lernen, uns selbst anzuschauen und zu beobachten. Herausfinden, was wir brauchen. Was wir wirklich brauchen. Das ist am Anfang komisch, unbequem und befremdlich, aber es wirkt.

Wir können lernen, nicht auf unseren inneren Schweinehund zu hören, der uns auf dem Sofa halten will, weil es da draußen ja „sooooo ungemütlich, mega anstrengend und hochgradig gefährlich“ ist.

Übrigens sei an dieser Stelle angemerkt, dass es sich selbstverständlich auch um eine Schweinehündin handeln kann, aber der Einfachheit halber habe ich die männliche Form gewählt. Die Rüden mögen mir verzeihen!

Wenn wir unseren inneren Schweinehund beobachten, werden wir feststellen, dass er sich lieber verantwortungslos neben und mit uns auf dem Sofa räkeln möchte, anstatt in Bewegung zu kommen. Wir werden vielleicht feststellen, dass er noch nicht mal zum Gassi gehen das Sofa verlassen mag und dass er unsere Serien mindestens genauso mag wie wir selber. Haben wir die Führung tatsächlich unserem inneren Schweinehund überlassen? Wollen wir das?

Wollen wir uns und unser Leben wirklich jemand anderem überlassen?

Wollen wir uns und unser Leben wirklich von jemandem diktieren lassen, der nur rumhängt und der dafür sorgt, dass unser Leben an uns vorüberzieht?

Wenn wir das bemerken, dann haben wir den ersten Schritt in Richtung Veränderung schon gemacht. Und können anfangen, mit unserem inneren Schweinehund auf dem Sofa zu kuscheln. Und zwar zu Zeiten, die wir vorgeben. „Ok, süßer Schweini, wir kuscheln, wenn ich soundsoviel Zeit gearbeitet habe.“

Aller Anfang ist schwer und es ist nicht leicht, eingespielte Strukturen zu verändern. Aber auch innere Schweinehunde sind Wesen, die es verdient haben, respektiert zu werden. Wenn wir sie einfach verdrängen wollen, dann tauchen sie nur um so hartnäckiger immer wieder auf. Wie Wespen beim Essen von einem köstlichen Stück Pflaumenkuchen an einem lauen Sommernachmittag.

Also ist erst mal Kuscheln angesagt. Den inneren Schweinehund mit beiden Händen im Nackenfall nehmen und ihn durchrubbeln, mit ihm toben, ihn streicheln. Und ihn fragen: was brauchst Du? Und ihn antworten lassen. Ihm Zeit für die Antwort einräumen.

Häufig braucht er Aufmerksamkeit. „Ok, Du brauchst Aufmerksamkeit. Was genau?“ „Etwas Gutes zu Essen.“, sagt er dann vielleicht. Ooooh nein, er meint damit keine Chips, keine Süßigkeiten, sondern etwas Gesundes und Stärkendes. Etwas Nährendes ist dann angesagt.

Vielleicht einmal wieder etwas richtig Leckeres kochen? Vielleicht will er auch mal vor die Türe und sich bewegen? Neiiiin, das ganz sicher nicht, denn er möchte auf dem Sofa bleiben.

Gleichzeitig können wir anfangen, uns selber zu fragen, was wir brauchen. Wir brauchen gesunde Nahrungsmittel, um eine gute Leistung erbringen zu können und um erfolgreich zu sein. Und wir brauchen Bewegung. Und wir brauchen Freunde, die wohlwollend mit sich und anderen umgehen und die sich gegenseitig nicht dazu anstacheln, möglichst viel dieses kostbaren Lebens zu vergeuden.

Mit diesen Überlegungen können wir damit beginnen, unseren dicken, riesengroßen inneren Schweinehund vorsichtig an die Leine zu legen und mit ihm vor die Türe gehen.

Wir gönnen es uns, etwas Gutes zu essen zu besorgen. Diesen Weg legen wir ganz bewusst zu Fuß zurück. Und schon haben wir den ersten Schritt in ein gesundes und erfülltes Leben gemacht.

Und von da aus gehen wir immer wieder einen Schritt weiter.

Gemeinsam mit meinem vorher erwähnten Klienten habe ich genau diese ersten Schritte erarbeitet. Wir haben einen Plan erstellt, wie er von nun an weitergehen könnte. Mit seinem süßen Schweinehund an der Leine. Die beiden waren von dem Plan ganz begeistert und haben sich sofort in Bewegung gesetzt.

Bildquelle: „Grundlagen des RùJìng / der Meditation im QiGong“, QingBo Sui (2018), S. 25.  Es stammt von meinem QiGong-Lehrer Prof. QingBo Sui, dem ich herzlich für die Erlaubnis zur Veröffentlichung danke.

Neubeginn

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer der erste Schritt in Richtung Veränderung ist. Heute möchte ich mit Dir das Erlebnis teilen, das meinen Veränderungsprozess massiv beeinflusst hat. Vielleicht stößt du ja auch einmal einen solchen Prozess an.

Eineinhalb Jahre waren nach meinem Aufenthalt in einer Klinik wegen einer Depression vergangen. Ich war nach Weggis in die Schweiz gefahren, um eine Ausbildung zu absolvieren, die versprach, Stress einfach „wegklopfen“ zu können.

Die Spitzen der den Vierwaldstädter See umgebenden Berge lagen in den Wolken. Immer wieder kamen Regenschauer vom Himmel herunter. Die Temperatur war deutlich gefallen. Kein Wind regte sich und es lag eine beeindruckende Stille in der Luft. Kein Vogel sang. Kaum ein Laut war zu hören. Und auch im Hotel war es ruhig.

Ich nahm an einer Ausbildung teil, die ich aus einer Eingebung heraus erst kurz zuvor gebucht hatte. Der zweite Ausbildungsblock von insgesamt dreien lag hinter mir und ich hatte den Vormittag bis zum Beginn des dritten Ausbildungsblockes frei.

Ich fühlte mich sicher. So sicher, wie seit meinem Aufenthalt in der Klinik nicht mehr. Umgeben von Psychiatern, Psychologinnen und Coaches, von Ärztinnen, Masseuren und anderen, die sich hier trafen um eine neue Methode zu lernen, um damit andere Menschen bei der Lösung ihrer Probleme zu unterstützen. Ich war trotz meiner Probleme eine von ihnen. Selten habe ich mich mit Menschen so wohl gefühlt.

Aber an diesem Vormittag war ich alleine. Viele der Menschen, die ich kennengelernt und mit denen ich die letzten Tage gemeinsam verbracht hatte, waren bereits abgereist. Ich saß in meinem Zimmer, was aber eher eine Kammer war. Immerhin hatte ich einen gemütlichen Sessel und einen seitlichen Ausblick auf den Vierwaldstädter See. Einen weiten Blick über den See, der wegen seiner Tiefe einer der kältesten Seen in der Umgebung ist. Kein Mensch war bei diesem Wetter am oder im Wasser.

Ich wusste nicht, wohin mit mir. Ich wollte nicht lesen, nicht alleine, aber auch nicht mit anderen zusammen sein. Das Zimmer kam mir vor wie ein Käfig. Meine Haut war feucht von der schwülen Hitze, die sich in den vergangenen Tagen im Zimmer angestaut hatte. Durch die dicken grauen Wolken hindurch brach ein Sonnenstrahl.

In dem Moment, in dem der Sonnenstrahl das Zimmer erhellte, wusste ich es. Ich würde trotz des kalten Wetters schwimmen gehen. Mit plötzlich vor Aufregung klopfendem Herzen zog ich mir eilig den Badeanzug an, schlang das Handtuch um mich, schlüpfte in die Badeschlappen, lief zügig die knarzende dunkle Holztreppe hinunter und die wenigen Meter am Hotel vorbei zum See. Der Steg lag einsam und verlassen da. Niemand war in der Nähe. Kein Boot war auf dem Wasser. Die Sonne war wieder hinter den Wolken verschwunden. Ich zögerte. Warum musste ich ausgerechnet jetzt hier alleine sein? Mein Körper verwandelte sich. Meine Härchen stellten sich auf und überzogen meinen Körper mit einer Gänsehaut. Ich wickelte mich etwas fester in das große Handtusch und schaute hinaus auf den riesigen See. War es richtig, was ich vorhatte? Keine Welle bewegte den See, kein gekräuseltes Wasser. Stillstand. Glatt wie ein Spiegel lag der See vor mir. Angst mischte sich in die großen Gedanken, die kurz zuvor noch mutig davon geschwärmt hatten, wie schön es sei, in diesem großen See ganz alleine zu schwimmen.

Ich war noch nie alleine in einem See schwimmen gewesen. Immer war irgendwer bei mir. Meine Familie, Freunde oder zumindest andere Badende. Aber seit einiger Zeit war ich alleine. Oft fühlte ich mich einsam. Und nun stand ich hier. Alleine unter dem Dach aus Blättern eines großen Baumes an der Wiese zum See. Mit einem gefühlten Loch im Magen.

Was, wenn ich einen Krampf bekäme? Wenn ich plötzlich nicht zurückschwimmen könnte? Niemand war da, der mir hätte helfen können. Es war niemand da, der mich abhalten konnte in den See zu springen. Niemand, der mich ermutigte, das zu tun, was ich mir vorgenommen hatte. Niemand, der mit mir sprach. Nur ich war hier. Ich setzte mich auf eine kleine Mauer und starrte hinaus auf den See. Minuten vergingen. Ich hoffte, dass die Sonne wieder herauskäme. Hoffte, dass andere Menschen kämen, um mir Mut zu machen, in den See zu gehen und zu schwimmen, so wie ich es noch am Tag zuvor mit anderen Teilnehmerinnen gemacht hatte.

Irgendwann tauchte in meinen Gedanken der Titel eines Buches auf, das ich vor kurzem gelesen hatte. „Wenn Du willst, was Du noch nie gehabt hast, dann tu, was Du noch nie getan hast“. Aber was wollte ich denn? Was war es, was ich wirklich wollte?

Ich wollte glücklich sein. In Frieden mit mir und der Welt. Wollte ein wenig Spaß haben, so wie alle anderen auch. Aber ich kämpfte mit den Nachwirkungen einer Depression. Grübelte oft minutenlang völlig sinnlos vor mich hin. Fühlte mich oft einsam, überfordert und nutzlos.

Einer plötzlichen Eingebung heraus folgend warf ich das Handtuch auf einen Tisch, schüttelte die Badeschlappen ab und trat auf den Steg hinaus. „Nur nicht stehenbleiben,“ dachte ich, „dann gehe ich zurück ins Zimmer“. Und dann lief ich los. Ich spürte die kühle Luft auf meiner Haut, ich wurde mit jedem Schritt schneller und sprang vom Steg ab. Ich flog meterweit durch die kühle Luft und tauchte mit dem Kopf voran in das kalte Wasser des Sees. Der Kälteschock war heftig. Das Gegurgel des Wassers traf auf mein Trommelfell. Prustend tauchte ich wieder auf, nahm die Weite des Sees und die ihn umgebenden Berge in mich auf und schwamm. Ich schwamm einfach los. Auf die Mitte des Sees zu. Der Ausbildungsleiter und seine Frau schwammen jeden Morgen weit hinaus. Ewig weit. Ich war noch nie in so kaltem Wasser geschwommen. Egal. Ich tat etwas. Ich schwamm. Ich wollte, was ich noch nicht gehabt hatte. Ich wollte mich frei fühlen und glücklich sein. Und ich tat etwas dafür. Etwas, das ich noch nie getan hatte.

Ich schwamm einfach weiter. So weit hinaus, wie ich noch nie in meinem Leben geschwommen war. Und dann, auf einmal, begann es zu regnen. Leise Tropfen fielen schnurgerade vom Himmel. Und ich war plötzlich umgeben von schimmernden Perlen, die um mich herum aus dem See heraus hüpften und überall zu tanzen begannen. Unendlich viele Perlen. Überall glitzerte es. Es war ein leises Tröpfeln zu hören. Wie ein Hauch um mich herum. Der See, die Berge, das Wasser, die Tropfen. Und ich. Alles in völligem Einklang.

Ich trat einen Moment auf der Stelle, um das Wasser nicht durch meine Schwimmbewegungen aufzuwühlen. Schaute nur. Hörte nur. Spürte nur. Dann schwamm ich weiter. Immer weiter. Gebannt vom Tanz der Tropfen und der Perlen.

Es war wie ein Wunder. Ich tat, was ich noch nie getan hatte. Ich war mutig und frei das zu tun, was ich wollte. Es gab einen Weg aus der Depression. Einen Weg, den ich gehen konnte. Meinen Weg hinaus. Einen Weg, der, immer wieder wundervoll sein könnte, wenn ich es nur zuließ. Ich musste nur etwas tun, was ich noch nie getan hatte. Und vor allem einfach weitergehen.



Warum war ich plötzlich so glücklich und bin es auch heute noch, wenn ich an dieses Ereignis denke? Was ist da genau geschehen?

Wir alle leben in einer sogenannten Komfortzone. In dieser haben wir uns eingerichtet. Es uns gemütlich gemacht. Irgendwie kommen wir da ja ganz gut zurecht. Wir kennen alles, was uns umgibt, kennen die Spielregeln, Gemeinsamkeiten mit anderen, aber auch das, was überhaupt nicht funktioniert. Und haben uns mit allem vertraut gemacht. Die Schaltkreise in unserem Hirn sind eingerostet.

Das Leben möchte aber, dass wir uns weiterentwickeln. Zu dem oder zu der werden, der oder die wir in einem tieferen Sinne eigentlich sind. Denn das Leben möchte sich durch uns verwirklichen. Wenn wir in eine Krise geraten, dann zeigt uns diese Krise deutlich, dass wir etwas verändern sollen. Häufig möchten wir aber nichts verändern. Wir versuchen, manchmal unerbittlich, an unserem Status Quo festzuhalten. Wir schlucken Tabletten, suchen einen anderen Job, der letztendlich wieder genauso ist, wie unser vorheriger. Wir wechseln den Partner oder die Partnerin und wundern uns, warum alles zwar anders wird, aber letztendlich oft doch gleich zu bleiben scheint. Dann wird das Leben unerbittlich. Die Krise wird schlimmer oder tritt häufiger auf und wir kämpfen weiter gegen notwendige Veränderungen an. Es kann sein, dass wir unendlich viel Energie in diese Kämpfe stecken.

Wenn wir genau hinschauen, dann können wir in jeder Krise eine Chance entdecken. Mit der Frage „Was will das Leben von mir?“, können wir beginnen, uns wieder dem Leben und seinen Wundern zuzuwenden. Diese Frage ist der Anfang eines Weges heraus aus der Komfortzone. Die Frage öffnet uns den Blick, uns einmal von außen zu betrachten. Uns zu fragen: was kann ich ändern, damit es anders wird? Und dabei helfen dann Dinge, die anders sind. Dinge, die wir noch nie gemacht haben. Dinge, die uns über uns selbst hinauswachsen lassen. Denn nur durch wirklich neue Erfahrungen wird der Rost von unseren eingefahrenen Schaltkreisen im Hirn weggesprengt und es können sich völlig neue Schaltkreise bilden.

Wir können aus unserer Komfortzone heraustreten ins Leben und damit in eine weitere Zone eintauchen. In die Zone der Veränderung. In eine Zone, in der wir weiter wachsen können. Eine Zone, die uns mit neuen Erkenntnissen und Erlebnissen aus unserer unbequemen, viel zu klein gewordenen und vielleicht auch langweiligen Komfortzone lockt. Nur in dieser Zone der Veränderung und des Wachstums können die Wunder geschehen, von denen wir vielleicht ein Leben lang geträumt haben.

Trau Dich heraus aus Deiner Komfortzone. Es lohnt sich!